Persönlich
Le temps de se refaire une petite beauté...
Zöpfe flechten, angestaubte Worte aus dem Archiv holen und andere darin verstauen.
An meinem zwanzigsten Geburtstag besteige ich einen Sonderzug. Der hält vor einer Kaserne. Der Beginn einer fünfzehnmonatigen Charakterbildung. Dort lerne ich Erich Mühsam und andere "Verdammte Dichter" kennen.
Ein paar Jahre später sitze ich in einem amerikanischen Großraumbüro. Punkt 7h30 treibt eine Glocke zur Arbeit, schickt um 9h in die Pause, um 9h15 wieder an den Schreibtisch. Noch einmal um 12h und 12h45, dann 16h15 endlich die Erlösung, wieder in Form eines schrillen Tons.
Nach wenigen Wochen bin ich so gut konditioniert, dass ich fünf Minuten vor der Pause Hunger bekomme. Man stellt mir eine Beförderung in Aussicht, ich lehne dankend ab.
Wache eines schönen Sonntag morgens auf und weiß, wenn ich es jetzt nicht tue, kommt irgendwann der Tag, an dem ich mir sagen werde: HÄTTE ICH DOCH!
Tags darauf lasse ich mir von einer Kollegin die Anmelde- formulare für ein Sprachinstitut in Südfrankreich ausfüllen.
Ich gebe meine bürgerliche Existenz auf und gehe in die Provence, studiere Französisch, belege Literaturkurse, jobbe als Tellerwäscher, Kellner, Bade- meister. Begegne Rimbaud, Verlaine und Brel. Später auch Baudelaire, Maupassant und Ferré.
Weiter nach Andalusien, Spanisch und Flamenco. Zufällig höre ich eine alte Aufnahme, in der Neruda aus seinen "20 poemas" liest. Seither lässt mich Dichtung nicht mehr los.
Warum zurück? Um der Liebe willen, es ist immer die Liebe. Zumindest für eine Weile. Vorher schreibe ich. Währenddessen schreibe ich auch. Danach sowieso, der Narben wegen. Briefe. Briefe aus dem Süden, Briefe aus dem Norden. Briefe aus der Einsamkeit. An Menschen, mit denen ich für einen Augenblick dieser Einsamkeit entfliehe. Sie ist weiblich, die Einsamkeit. Sie ist das Glück, sie ist der Schoß. Und die Tragik. An ihr klebt noch das Preisschild, der Preis für die geschriebenen Zeilen.
Seit 1999 veröffentliche ich überwiegend im Internet, u.a. Lyrik (textgalerie.de bis 2003, danach nahezu täglich Gedichte im Weblog) und Übersetzungen der Chansons von Léo Ferré. Die deutsche Léo Ferré-Website betreue ich als Herausgeber.