Gau-Zeit


Ich kehre dem Kraichgau endgültig den Rücken, deponiere meinen Hausstand in einer Scheune im Breisgau und mache mich auf den Weg. Drei große Kartons mit Klamotten und Büchern, eine hölzerne Weinkiste mit Küchenutensilien, zwei prall gefüllte Taschen Kleinkram, ein Fahrrad vom Sperrmüll; meine ganze Aussteuer für die kommenden achtzehn Monate. Wir fahren zu viert, meine Begleiter ziehen weiter, ich werde das Gefühl nicht los, als erwarteten sie, dass ich einen Rückzieher mache, wieder die Heimreise mit ihnen antrete.

In der Nacht passieren wir die Grenze, die damals noch eine ist. Nicht nur wegen der Zollschranken und Grenzposten, sondern weil es anders riecht.
Die schwarzen Müllsäcke, zerrissen und zerfressen von Hunden, Katzen und Ratten, die sich am Inhalt schadlos halten. Es bleiben immer Reste übrig, sie vergammeln am Boden, in einer Rinne, sie vermischen sich mit Ruß, Hundekot und Staub. Dazu der Geruch von Gips und altem Gemäuer der bröckelnden Fassaden. Am Ende bleibt eine undefinierbare, transparente Wolke aus Duft und Gestank, die olfaktorische Visitenkarte einer Stadt, eines ganzen Landes.

Die Grenze, sie ist auch die GAU-Grenze. Vier Monate sind seit den Ereignissen in einem unbedeutenden Kaff in Weißrussland vergangen. Der Name hält mit der Halbwertszeit seiner Ruinen mutig Schritt. Die Wolke hatte nach offizieller Lesart Einreiseverbot.

Dem Regen erging es kaum besser. Er ist in diesem Land nicht sauer. Deshalb stirbt in diesem Land auch kein Wald. Waldsterben gibt es nur "Outre Rhin", jenseits des Rheins. Deshalb macht man sich erst gar nicht die Mühe, einen französischen Begriff zu kreieren. Wie "Le Blitzkrieg" ist "Le Waldsterben" eine durch und durch teutonische Eigenart.

Erst später sollte man auch hier ein passendes, geradezu niedliches Wort finden: "La Maladie de Fôret", die Waldkrankheit, als wäre es eine seltene Variante der Influenza.
Der erste Campingplatz den wir anfahren, ist eine niederländische Kolonie. Ich mache mir noch nicht einmal die Mühe aus zu steigen. Wohin man auch sieht, lauter Wohnanhänger mit gelbem Nummernschild. Am Eingang zum zweiten Camping steht ein Fahnenmast, der Union Jack hängt schlaff in der Höhe. Wir fahren wortlos weiter. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, aber was ich hier sehe, das gefällt mir überhaupt nicht. Das passt nicht in mein Klischee, in meinen Träumen gab es keine gelbe Nummernschilder und keine Union Jacks. Da gab es alte Männer mit Baskenmütze und Prevert vor einem Ballon Rouge, den Kuß von Doisneau gab es auch und im Hintergrund sang die Piaf oder Ferrat und alles war leicht und beschwingt, wie das französische Akkordeon.

Der nächste Platz liegt etwas versteckt, auf dem Hügel. Schon weil nicht an der Hauptverkehrsstraße gelegen, macht ihn das auf Anhieb sympathischer. Formalitäten erledigen, Auto ausräumen, Zelt aufstellen. Fast wortlos erledigen wir das noch gemeinsam. Danach noch einen Espresso, eine kurze, aber herzliche Umarmung, ich bin alleine.

Als ich noch einen Café bestellen möchte, wird mir meine Situation erst richtig bewusst. Das ging ja bisher wie von selbst. Irgendwer hat immer bestellt, hat sich um die Abrechnung gekümmert, man musste nur stumm nicken, oder freundlich lächeln. Meistens tat ich beides, vorsichtshalber. Jetzt bin ich alleine, werde alleine bleiben. In einem fremden Land von dem ich nur eine vage und verklärte Ahnung habe, mit einer Sprache und einer Kultur die mir fremd sind, die ich kennen und lernen will. Bisher bin ich noch nicht mal in der Lage, mir korrekt einen Café zu bestellen. Zum ersten Mal überkommt mich das Gefühl der Angst vor der eigenen Courage.

Der Kellner kommt mit dem Café, sieht meine Bücher, schaut interessiert auf meinen Schreibblock. Ahh, vous écrivez, Monsieur! Ich verstehe kein Wort, aber ich nicke wieder freundlich.
Noch weiß ich nicht, dass man hier eine andere Einstellung zum geschriebenen Wort hat, als im Land der Dichter und Denker. Das hiesige Bildungssystem, es ist mir noch fremd. Erst viel später werde ich erfahren, dass ein Künstler hier etwas weniger geächtet ist, dass selbst dem einfachen Menschen auf der Straße der Dichter etwas gilt und mehr wert ist, als der Dreck unter seinen Fingernägeln.

Es hat sich offensichtlich schnell herumgesprochen, dass ich für mindestens zwei Wochen auf diesem Campingplatz bleiben werde. Der Tisch -mein Tisch- ist immer frei. Selbst abends, wenn die Terrasse fast voll besetzt ist, bleibt er leer. Am dritten Tag komme ich zufällig hinter das Geheimnis. Als ich um die Ecke biege, sehe ich, wie der Kellner gerade ein Touristenpärchen mit zwei Kindern an einen anderen Tisch bittet. Der Mann hatte sich eben auf den Korbstuhl fallen lassen, jetzt steht er missmutig auf. Der Kellner sieht mich, grinst verschmitzt und verschwindet im Restaurant.

Hier im Süden, weit entfernt von meinem bisherigen Leben, lerne ich das Wort "Heimat" erst richtig kennen. Ich spüre, dass Heimat nichts mit Herkunft zu tun hat. Heimat ist dort, wo ein Tisch auf einen wartet, wo sich die Seele zufrieden in den Schlaf räkelt, wo sie mich den Morgen mit einem Lächeln begrüßen lässt.

Am ersten Wochenende tobt ein Waldbrand, von drei Hügeln kommen Flammenwände und schwarze Rauchwolken auf uns zu. Der ganze Platz ist in Aufruhr, über uns donnern Löschflugzeuge im Minutentakt. Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist die Hälfte der Touristen geflohen.

Drei Tage später fällt uns der Himmel auf den Kopf. Eine braune Brühe schießt den Hang hinunter, füllt selbst die Wohnwagen mit Schlamm. Dass mein Zelt stehengeblieben ist, erstaunt mich noch heute. Das Spektakel beobachte ich schreibend von der überdachten Terrasse aus. Vor mir steht eine Karaffe Rouge ordinaire, manchmal klatscht ein Tropfen hinein. Als das Dach unter den Wassermassen nachgibt, fliehe ich ins Restaurant. Dort ist es kaum trockener. In meiner Hand kleben zehn einstmals beschriebene Seiten, jetzt sind es nur noch blaue Flecken auf einem welligen Collegeblock. Tags darauf ist der Campingplatz fast leer.

Diese beiden Naturereignisse, auch sie kamen in meinem Träumen nicht vor. Da gab es weder Feuerwände, noch Naturgewalten. Es passt auch nicht in das gerade so hübsch gezimmerte Heimatbild. Da dachte ich mich an einen der schönsten Flecken Erde, dabei sieht es hier aus wie auf einem Schlachtfeld. Ich höre bereits die abwertenden Sätze von Freunden und Familie. Nicht nur dass ich alles aufgegeben habe, ich klebe sogar noch an einem Platz, von dem alle flüchten.

In meinem selbst gewählten Exil, ohne Freunde, ohne Sprache, wird das Wort zu Papier. Ich schreibe wie nie zuvor. Manchmal 50 Seiten pro Tag. Briefe, keiner kürzer als sechs oder mehr eng beschriebene Seiten.
Ist ein Brief fertig, klebe ich ihn zu, frankiere ihn sofort. Beginne den nächsten, an die nächste Person. Kommt mir ein Gedanke, fange ich eine neue Seite an. Oft entscheide ich erst gegen Ende des Briefs an wen er gehen soll. Dann trage ich noch schnell den Namen oben ein. Es ist das einzige Mal, dass ich die Blätter in die Hand nehme. Danach nur noch zum einkuvertieren. Es kommt vor, dass ich am selben Tag zwei oder gar drei Briefe an den selben Adressaten schicke.

Gebannt von der Einsamkeit und den Eindrücken, die ich niemandem mitteilen kann, wird das Papier zur Person. Ich schreibe, weil ich nicht reden kann. Groß und weit ausladend im Überschwang, klein und gekritzelt, wenn ich flüstere.
Das Wort auf dem Papier, es ist ausgesprochen. Den Brief zukleben, am Ende eines Gedankens, ist nur die logische Konsequenz. Man stopft das gesprochene Wort nicht zurück in den Mund.

Einmal komme ich von einem Spaziergang zurück und brauche gut und gerne zehn Blätter um das Gesehene los zu werden: Feldwege und Gärten, Türen und Tore. Überall hing ein Schild "Proprieté Privée", Privatgrundstück, teilweise gab es auch die Warnung vor Schußwaffen. Ich sah Stacheldraht und hohe Mauern, in die große Glasscherben eingelassen waren. Das hatte nichts liebliches, da klang kein "Chanson douce" mehr in meinen Ohren. Es war die hässliche Seite des Paradieses und sie war in meinem Bild überhaupt nicht vorgesehen.

Der Kellner, ich erfahre, dass er Christophe heißt. Auch er wohnt auf dem Campingplatz. Man hat ihm eine kleine Hütte -ach was sage ich- einen Verschlag zur Verfügung gestellt. Darin steht ein Feldbett, nato-oliv. Auf zwei übereinander gestapelten Salatkisten ein Campingkocher, eine italienische Cafetière, ein Topf aus Aluminium. In drei weiteren Kisten die Wäsche, auf dem Boden eine Schatulle mit Farben und Pinseln. Die Staffelei ist mit zwei Schnüren an die Decke gebunden. An der Tür hängt eine Leine, ich frage mich gerade wo da noch ein Hund Platz finden könnte, da kommt eine kleine Katze herein, streicht uns um die Beine. Sie trägt ein Halsband. Christophe hält sie behutsam hoch, liebkost sie, spricht in unverständlichen Worten zu ihr. Ich verstehe nur "Promenade", sein einladendes Lächeln und die Handbewegung erklären den Rest. Wir gehen etwa eine Stunde die Straße entlang, mehr im Straßengraben als auf dem Asphalt. Autos donnern an uns vorbei, nach einer Weile trägt er die Katze auf seinem Arm.

Wir bleiben bei ein paar Plastiktischen stehen, daneben liegt auch eine schwere Steinplatte auf einem Metallgerüst. Auf der anderen Straßenseite sehe ich ein alleinstehendes Haus, Hôtel Auberge Cezanne, jenseits seines Zenits.

Christophe sucht auf der zerkratzten Tischplatte herum, dann deutet er auf einen Punkt, ich sehe genauer hin. Ein Schriftzug, "P. Cézanne", unter vielen anderen Kritzeleien. Später erfahre ich dann, dass Cézanne oft hier gesessen haben soll, dass er hier auf das richtige Licht gewartet habe. Er muß oft hier gewesen sein, besessen vom Licht, den Farben und diesem Berg.

Zweimal täglich fahre ich zur Hauptpost. Christophe hat mir einen Zettel geschrieben, den lege ich zusammen mit dem Personalausweis vor und warte, was passiert. Seit einer Woche passiert nichts. Ich bewege meine Lippen, murmele etwas, immer an den Stellen, an denen man gewöhnlich Begrüßungsformeln spricht oder Fragen stellt. Wenn ich Zettel und Ausweis durch den schmalen Schlitz schiebe, komme ich mir vor wie ein Analphabet. Meist sehe ich mich vorher noch einmal um, besonders unangenehm ist, wenn ich jemanden dicht hinter mir spüre. Vermutlich werde ich dann auch rot, ich weiß es nicht, aber es fühlt sich so an.

Mittlerweile habe ich an die dreißig Briefe geschrieben, aber noch immer keine Antwort erhalten. Meine Impressionen aus dem Süden schmücken weniger Seiten und immer öfter erinnere ich daran, dass ich auf Antwort warte. Ja, ich sehe schon ein, dass die ja arbeiten müssen und nicht den ganzen Tag zur Verfügung haben, so wie ich. Aber die haben doch um 16 Uhr Feierabend, da wird man doch auch mal ein paar Zeilen schreiben können, oder?

Als ich dann endlich die erste Nachricht abhole, erkenne ich das Firmensignet schon von weitem. Auf der Vorderseite klebt von Express bis Eilt alles, was die Post an Zusatzleistungen anbietet. Der Wert des Portostempels entspricht in etwa der Summe, die ich mir als Tagesbudget zugestehe.

Ich quittiere den Empfang, doch was ich in Händen halte, es ist so dünn, so gar nichts. Meine Vorfreude kühlt merklich ab, noch ehe ich auch nur eine Zeile gelesen habe. Ein paar Minuten später könnte ich jeden Buchstaben detailgetreu nachzeichnen.

Die Leere danach, sie ist gemeiner als der Frust, wenn wie so oft keine Post eingetroffen ist. Wenn man nichts hat, dann hat man wenigstens die Hoffnung. Sie ist nie konkret, sie läßt sich schmücken, schiebt die Realität für einen Moment zur Seite. Hingegen diese paar Zeilen, sie sind so banal, so sachlich. Stehen meinen Eindrücken, meinen Erlebnissen hier, diametral gegenüber. Dabei sind diese Zeilen doch die einzige Verbindung zu meinem bisherigen Leben. Wenn ich sie lese, kommt dieses Gefühl beim Koffer packen wieder.

Fast zwei Wochen vergehen. Zwölf Tage zwischen Laissez-faire und heftigen Emotionen. Zwölf Tage voller Eindrücke, mit Wanderungen in meine Seele. Ich stoße Türen auf, deren Existenz ich mir nicht im Traum gewagt hätte, vorzustellen. Und dennoch: Mit jeder Nachricht aus der "Alten Welt" wird mir die jetzige Situation deutlicher. Das Paradies, in dem mich jene wähnen, die weiterhin jeden Morgen die Stechuhr bedienen, es verliert zunehmend an Spannung. Der Luxus die Seele baumeln lassen zu können, er macht mich langsam träge. Anstatt -wie zu Anfang- die Gegend zu erkunden, bleibe ich fast den ganzen Tag auf der Terrasse sitzen.

Noch schreibe ich meine Briefe, aber sie haben immer weniger Leben. Den Trott im Großraumbüro gegen den Alltag auf der Sonnenterrasse getauscht, was bin ich doch konditioniert, anpassungsfähig. Gerade feile ich an diesem Gedanken und versuche Nadja in einem weiteren dieser unzähligen Briefe klar zu machen, dass es nichts langweiligeres gibt als das, was sie noch als Paradies bezeichnet, da stellt mir das Schicksal eine Karaffe Rouge auf den Tisch. Das Schicksal heißt Elise, werde ich bald erfahren. Sie lächelt mich an, während ich fahrig meine Blätter ordne.