Rue de Dunkerque
Die Metroschächte spucken gerade die letzte Welle missmutiger Montagsmenschen in Anzug und Kostüm aus, als die Cafétür hinter mir ins Schloss fällt.
Drei Espressi, zwei Croissants, die Kopfmassage von Ana und ein frisch geflochtener Zopf: Die Sonne strahlt ein wenig rosarot, zumal ich die komplette Wochenmiete in meiner Hosentasche trage. Ich pfeife den Refrain von Alains letztem Chanson "Und Danach", der Tag fraternisiert mit der Leichtigkeit dieser Melodie.
Nicht zu lange, denn kaum im Hotel angekommen, schmettert mir Serge ein "Du wirst erwartet!" entgegen. Das letzte Mal als ich um diese Zeit erwartet wurde, war es der Gerichtsvollzieher. Ich versuche dennoch einen Rest der rosaroten Strahlen in den Tag zu retten, während vor meinem geistigen Auge ein paar offene Rechnungen tanzen.
Dieses sündhaft teure und längst in der Seine verschwundene Handy könnte der Grund für den Besuch sein. Wenn ich nicht irre, dann läuft der Vertrag noch 21 Monate. Zwei Tage hatte ich Freude daran, dann versuchte ich ein paar Nummern einzuspeichern. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber irgendeine Funktion war partout nicht zu erreichen und ich tat eine energische Handbewegung.
Ich lehnte dabei am Geländer der Mirabeau-Brücke, es war zu laut um mich herum und die Brücke ist zu hoch, das Platschen war nicht zu hören.
Andererseits bin ich froh, dass es weg ist, denn in diesen verfluchten Dingern ist ein Einarmiger Bandit eingebaut, einer der mehr Kohle in sich hineinfrisst, als seine Brüder in Las Vegas.
An Tagen wie heute, Tagen mit rosaroten Sonnenstrahlen und einem Hauch Zimt in der Luft, da braucht es nicht viel, um mir irgendeinen irre teuren Blödsinn an die Backe zu nageln.
Einmal, es war in der Nähe der Rue de Dunkerque, da sah ich SIE durch das Schaufenster. Ihren Namen habe ich nie erfahren, aber ihre Nase war erste Sahne, das konnte ich aus den Augenwinkeln heraus erkennen, und eine Sekunde später war ich im Laden.
Spötter hätten ihr Schmuckstück möglicherweise als Zinken tituliert. Sie hatte ein kleines, schmales Gesicht mit lustigen Knopfaugen und ihre Nase war wirklich mächtig, aber mir war nicht nach Spott, ich war einfach nur vernarrt. Meine Lippen formten sich bereits zu einem "Na du kleiner Kakadu", da grinste sie mich frech an und ich ließ es sein.
Um es kurz zu machen: Sie hätte mir auch ein Brautkleid andrehen können, zu gern hätte ich ihr den Hintern hingestreckt, damit sie den Reißverschluss hoch ziehen und hier und da ein paar Rüschen hätte zurecht zupfen können. Vielleicht mangelte es ihr ein wenig an Phantasie, jedenfalls machte sie kein entsprechendes Angebot und so tat ich also sehr unentschlossen, um ihre Nähe so lange wie möglich auszukosten.
Oh, sie war sehr bemüht, aber nach einer guten Stunde Unentschlossenheit klimperte sie auffallend häufiger und heftiger mit ihren großen braunen Augen, ihre Nase lugte auch immer vorwitziger in den Raum. Sie drehte noch eine letzte Runde mit mir durch den Laden, ich hing an ihr wie der Hecht am Haken und ein paar Minuten später kam ich wieder zur Besinnung. Es war an einer Fußgängerampel, in meiner Rechten hielt ich einen besonders schmucken Brautstrauß für 138 Euro 50.
Neben mir stand ein kleiner, rundlicher Teenager, sie presste sich einen wuchtigen Hamburger in ihr Gesicht, die Soße rann ihr dabei über die Hand, tropfte auf ihr Sweatshirt. Ich glaube, es waren noch andere Flecken drauf, aber ich sah nicht besonders genau hin.
Ich weiß auch nicht, ob sie Zeit genug hatte, die Situation zu erfassen, weil das Intermezzo dauerte höchstens so lange wie der göttliche Augenaufschlag des Kakadus gerade eben. Ich drückte der Kleinen lediglich den Strauß in die freie Hand und mit drei großen Sprüngen war ich im Metroschacht verschwunden.
Peinlich daran, also so richtig peinlich war Manus mitleidiger Blick, weil ich danach knapp zwei Wochen lang bei ihm anschreiben lassen musste.
Die Gegend um die Rue de Dunkerque meide ich seither, mit einer Wiederholungstat ist also erst einmal nicht zu rechnen.
Gefahren dieser Art lauern in dieser Stadt allerdings an jeder Ecke, nie ist man vor Kulleraugen, einer Charakternase oder irgendeinem anderen besonderen Merkmal sicher, und keiner weiß besser um die Folgen solch impulsiver Momente, als ich.