Fragmente aus Fuir le bonheur


Rouge à levres

Treppen steigen und unsere Schatten an die verfallenen Fassaden kleben. Weiter, immer weiter, versuchen Schritt zu halten mit ihr, die mehr schwebt, als sie geht.
Kleine Plätze wie Innenhöfe durchschreiten, lederhäutige und rundliche Männer sitzen beim Pastis und gestikulieren. Sie halten inne, Gespräche verstummen und ich recke meinen Kopf noch etwas höher, gehe einen Tick gerader noch als sonst.
Meine Hand ruht am Ende ihres Rückens, zaghaft wie es nur frisch Verliebte tun, als könnten ihre Flügel unter dem Druck knicken.

Aus Sekunden Stunden und Tage machen, wenn wir kurz stehen bleiben, sie mich ansieht, mit diesen Augen, in denen sich die Wellen brechen. Weitergehen, die Hüften reiben aneinander, mein Gesicht verzogen zu diesem dämlichen Grinsen wie nach einer endlos sinnlichen Nacht. Noch einmal eine Zungenspitze Salz aus ihrer Halsbeuge stehlen, wieder die Augen öffnen und spüren wie das Gesicht versteinert, gleich der Wand, auf die ich zu starren beginne.

Mon Amour – wie gereckte Lippen die ersten Buchstaben und immer heller werdend, weil dein Lippenstift dieser Tortur auf dem rauen Putz nicht lange standgehalten hatte. Die Wand, diese vermaledeite Wand, hinter die wir beide geflüchtet und uns geliebt haben, wieder und wieder, getrieben von unserer Angst vor einem endgültigen Morgen.


Place de Lenche

Vor einem Café sitzen und auf das Fenster sehen, hinter dem Rimbaud vom Wundbrand verschluckt wurde. Wer mag jetzt dort liegen und auf den finalen Sensenhieb warten?
An einem Peroquet nippen, zarte Finger auf dem Schenkel spüren und wieder in die Realität eines Traums zurückkehren.

Mit den Händen in ihren Haaren glitzernde Augen ertauchen, immer weiter, immer tiefer, den Atem dabei anhalten, wie tief können Augen sein? Nach Luft japsen und den Lippen, diesen göttlichen Lippen den Hof machen und wieder Apollinaire:
Engel, ganz frisch, heute früh von Bord.

Gegenüber die mit den Rosen, sie liegen im Rinnstein, zwischen zwei Freiern schickt sie ihre Galle an unseren Tisch.
Ein paar Münzen fallen lassen und barfuß an der Mole entlang rennen, die schweißkalten Finger aneinandergeklebt und die Espadrilles wie Wimpel nach oben gestreckt.