A une Peinteuse morte


Wer dich nicht gekannt hat, schüttelt den Kopf über den Humor, mit dem du den Piloten gefragt hast, ob er dich nun zum Probegucken mitnehmen würde. Mit brüchiger Stimme hattest du das in die Stille hinein gefragt, lange vor dem Surren der Rotorblätter und dennoch: Man musste die Worte mehr von deinen Lippen lesen, als dass sie hörbar gewesen wären.
Die Enttäuschung war dir anzusehen, denn so festgeschnallt konntest du überhaupt nichts erkennen, außer einem kleinen Stück blauen Himmels über dir. Deiner ganz eigenen kruden Logik folgend, nach der du den kranken Körper mit einer abgewrackten Karosse zu vergleichen pflegtest, gingst du über zum Probeliegen in dieser weißroten Wolke aus knatterndem Blech.

Oh, du hast dir Zeit gelassen mit deinem Probeschlaf. Die Wolke hatte dich längst abgeregnet und die weiße Meute war mit polierten Werkzeugen deiner Biomechanik zu Leibe gerückt. Nach drei Stunden fuhren sie dich hinaus und es erinnerte an eine Probefahrt, weil sie dich später wieder hereinholten, wieder hinaus fuhren, nur um dich tags darauf noch einmal genau zu inspizieren. Es war kein Feintuning, das sie deinem ehedem zarten Körper angedeihen ließen, nein, sie schwitzten bei ihrer Arbeit. Kaum hatten sie eine Stelle geschnitten, geheftet, genäht, brach etwas anderes auf, drohte ein weiteres Organ zu kollabieren, und alles begann von vorn.

Du zeigtest dich davon unbeeindruckt, die ganze Zeit über, zwei Wochen ausgedehnter präewiger Ruhe hattest du dir bereits genehmigt, ehe du eher gelangweilt als neugierig wieder Licht an deine Pupillen ließest. Du wolltest essen, wolltest trinken und vor allem wolltest du Tschaikowsky hören. Tschaikowsky war nicht aufzutreiben, Debussy auch nicht, also sangen wir das Lied von den Kirschblüten, das heißt, du summtest zwischen zwei kleinen Bissen ein paar Takte der Melodie.

Du redetest wie ein Wasserfall. Davon, dass du dir alles schon Mal von oben hattest ansehen wollen, schwärmtest von dem Licht, das du durch dein Kabinenfenster hattest sehen können und von den kosmischen Strahlen, die dich in den Schlaf geschickt hätten, es muss gerade mal eine Stunde her sein. Dieser Satz und deine Überraschung, als du die Kanüle im Arm, den Tropf, die Drainagen, die ganzen Geräte um dich herum realisiertest, erst da wurde mir klar, dass dir ja bereits 300 Stunden deines Lebens fehlten. Ich könnte schwören: Im Türrahmen lehnte eine Sense, du hattest keine Ahnung oder tatest zumindest so, aber ich sah sie immer, selbst wenn ich neben dir sitzend deine Hand hielt, ganz nah an deinem Ohr war, oder ich meine weichen auf deine spröden Lippen presste, ich sah sie, ich sah sie, ich sah sie.

Und du plappertest und plappertest, "guck mal meine Beine, die waren auch schon mal dünner", und zum Glück konntest du dein Gesicht nicht sehen, denn es waren nicht nur die Beine, die wie aufgeblasen aussahen, es war dein ganzer Körper, dieser zierlich kleine Körper, mit einer Taille kaum breiter als meine Hand, neben dem ich erst kürzlich noch gelegen hatte. Und nun berührte eben diese Hand eine lebende Wasserleiche, bei dem Gedanken musste ich mich umdrehen, damit du meine Tränen nicht sehen konntest, aber im Fenster spiegelte sich wieder die Sense, und dann schloss ich einfach die Augen und hörte dich von ganz weit reden.

So saß ich vielleicht eine halbe Stunde, du redetest über Pferde und kosmische Strahlen, die wieder durchs Fenster kämen. Aber der Himmel war so grau, wie ein Novemberhimmel nur sein kann und die Sonne, die du sahst, war bereits in deinen mittlerweile bernsteingelben Augen eingebrannt und nur zwei kleine Punkte darin, wie Einschlüsse in einem Harztropfen, ließen noch etwas Leben erkennen. Zu gerne ließ ich mich von deinen Träumen tragen, für Momente glaubte ich selbst an das, was du sagtest, wünschte mich mit dir wieder zurück in den Süden. Jeder von uns war in seinem persönlichen Film und je konzentrierter ich meinen eigenen Film betrachtete, desto besser konnte ich meine Angst überspielen, dies könnte dein allerletzter Film gewesen sein

Während der ganzen Zeit schwankte ich zwischen Hoffnung und Resignation, und als du mitten im Satz abbrachst und mit weit geöffneten Augen und Mund schwiegst, da begriff ich, dass dies dein letztes Aufbäumen gewesen war. Ich wollte eben die Glocke drücken, aber die Apparate hatten längst Alarm geschlagen. Eine ganze Kolonie weißer Ameisen drängte in das Zimmer, sie rupften und zupften an dir und in dieser Hektik schob mich eine Ameise vor sich her zur Tür hinaus und das Letzte, was ich erkennen konnte, war, dass die Sense nicht mehr im Türrahmen lehnte.